Im Sommer 1560 besiegte Oda Nobunaga in der Schlacht von Okehazama den mächtigen Daimyō Imagawa Yoshimoto. Für die etablierten Kriegsherren Japans war dies zunächst ein regionaler Machtwechsel unter vielen – nicht mehr und nicht weniger. Nobunaga war zu diesem Zeitpunkt Mitte zwanzig, kontrollierte gerade einmal die Provinz Owari, und niemand konnte ahnen, was aus ihm werden würde.
Ieyasus ungewisse Position
Tokugawa Ieyasu, damals 18 Jahre alt und noch unter dem Namen Matsudaira Motoyasu bekannt, hatte den Großteil seines Lebens als Geisel verbracht. Nach Yoshimotos Tod kehrte er nach Mikawa zurück und versuchte, dort Fuß zu fassen. Seine Lage war alles andere als komfortabel: umgeben von misstrauischen Nachbarn, mit begrenzten Ressourcen, und ohne das Netzwerk, das etablierte Daimyō über Jahrzehnte aufgebaut hatten.
Was Ieyasu in dieser Situation dachte, als er auf den Mann blickte, der seinen bisherigen Herrn getötet hatte, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich wog er Optionen ab, konsultierte seine wenigen erfahrenen Berater, und versuchte abzuschätzen, welcher Weg das geringste Risiko barg.
Ein ungewöhnliches Angebot
Die Ausgangslage hätte kaum ungünstiger sein können. Ieyasu hatte nicht nur unter Yoshimoto gedient – er hatte aktiv für ihn gekämpft, unter anderem bei Angriffen auf Oda-Festungen. Aus Nobunagas Perspektive war Ieyasu ein ehemaliger Feind, der theoretisch Rache für seinen gefallenen Herrn suchen könnte. In der Sengoku-Zeit wurden solche Männer üblicherweise entweder getötet oder zu Vasallen degradiert, um sicherzustellen, dass sie keine Bedrohung mehr darstellten.
Dass Nobunaga stattdessen ein gleichberechtigtes Bündnis anbot, war bemerkenswert. Entweder erkannte er, dass Ieyasu als Geisel keine echte Wahl gehabt hatte, oder er schätzte ein, dass die Chance auf einen verlässlichen Partner das Risiko wert war. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass Ieyasu nach Yoshimotos Tod nicht versucht hatte, dessen Sache weiterzuführen, sondern nach Mikawa zurückgekehrt war – ein Zeichen, dass seine Loyalität zu Yoshimoto ihre Grenzen hatte.
Für Ieyasu war die Situation kaum weniger heikel. Er sollte einem Mann vertrauen, gegen den er erst vor kurzem gekämpft hatte, und der allen Grund gehabt hätte, ihm zu misstrauen. Dass beide bereit waren, diesen Schritt zu gehen, zeugt von ihrer Fähigkeit, Chancen zu erkennen und kalkulierte Risiken einzugehen.
Ein Bündnis aus Pragmatismus (1562)
1562 schlossen die beiden ein formelles Bündnis. Für zeitgenössische Beobachter mag dies wie eine von vielen kurzlebigen Zweckehen zwischen kleineren Kriegsherren ausgesehen haben. Die Sengoku-Zeit war voll von solchen Arrangements, die oft nicht länger hielten als bis zur nächsten günstigen Gelegenheit zum Verrat.
Der praktische Nutzen war überschaubar, aber real: Nobunaga musste nicht befürchten, im Osten angegriffen zu werden, während er versuchte, seine Position zu festigen. Ieyasu hatte einen Nachbarn weniger, vor dem er sich fürchten musste. Beide kauften sich damit Zeit – und die Möglichkeit herauszufinden, ob aus einem taktischen Arrangement mehr werden konnte.
Was daraus wurde
Das Bündnis hielt über 20 Jahre – länger als die meisten solcher Arrangements in der Sengoku-Zeit. War das von Anfang an absehbar? Eher nicht. Vermutlich funktionierten beide Männer zusammen, weil es sich als praktisch erwies und weil die Alternative – Misstrauen und mögliche Konfrontation – riskanter war. Nobunaga war impulsiv und experimentierfreudig mit neuen Taktiken. Ieyasu war vorsichtiger und bereit zu warten. Diese unterschiedlichen Temperamente hätten zum Konflikt führen können, erwiesen sich aber als kompatibel. Ob das Glück, Charakter oder günstige Umstände waren, bleibt offen.
Ein Versuch mit ungewissem Ausgang
Nach Okehazama standen zwei junge Männer voreinander, die beide etwas beim anderen sahen, das sie gebrauchen konnten. Nobunaga hatte gerade bewiesen, dass er bereit war, extreme Risiken einzugehen – und damit durchzukommen. Ieyasu hatte Jahre der Geiselschaft überlebt und dabei gelernt, Geduld und Timing zu seinem Vorteil zu nutzen. Keiner von beiden wusste, wie weit dieses Arrangement tragen würde. Aber in einer Zeit, in der Verrat alltäglich war, entschieden sich beide für einen Versuch.



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