Die Bedrohung aus dem Osten
Wenn man über Oda Nobunagas spektakulären Aufstieg zur Macht spricht, wird oft die Schlacht von Okehazama 1560 als sein großer Durchbruch gefeiert. Doch um die wahre Bedeutung dieses Sieges zu verstehen, muss man einen Blick zurück werfen – auf die jahrzehntelange Bedrohung, die der Imagawa-Clan für die Oda darstellte.
Der Imagawa-Clan war für die Oda kein gewöhnlicher Gegner. Es war der „Dauer-Krawallo“, der ständige Aggressor, der schon Nobunagas Vater, Oda Nobuhide, über Jahre hinweg in Atem gehalten hatte.
Nobuhides verzweifelter Kampf
Oda Nobuhide, Nobunagas Vater, führte einen jahrelangen, zermürbenden Kampf gegen die Imagawa. Sein Ziel war klar: Er wollte verhindern, dass der mächtige Imagawa-Clan seine Heimatprovinz Owari unter Kontrolle brachte. Der Konflikt begann bereits in den 1540er Jahren, als Imagawa Yoshimoto begann, sein Territorium aggressiv zu erweitern.
Die Bilanz war gemischt: Nobuhide konnte 1542 in der ersten Schlacht von Azukizaka einen Sieg erringen, erlitt aber 1548 in der zweiten Schlacht von Azukizaka eine schmerzhafte Niederlage. Der Imagawa-Clan kontrollierte bereits die Provinzen Suruga, Tōtōmi und Mikawa und hatte seine Augen fest auf Owari gerichtet – das Land der Oda.
Nobuhide kämpfte an mehreren Fronten gleichzeitig. Im Norden drohte Saitō Dōsan aus der Provinz Mino, im Osten die übermächtigen Imagawa. Trotz all seiner Anstrengungen gelang es Nobuhide nie, Owari vollständig zu vereinen oder die Imagawa-Bedrohung dauerhaft zu beseitigen. Als er 1551 unerwartet starb, hinterließ er seinem Sohn ein gefährliches Erbe.
Nobunaga erbt ein brennendes Haus
Als der 17-jährige Nobunaga die Führung des Oda-Klans übernahm, war die Situation katastrophal. Der Imagawa-Clan nutzte die Schwäche, die mit einem Führungswechsel einherging, sofort aus. Imagawa Yoshimoto schickte eine Armee, die die Burg Anjō belagerte. Anfang 1552 liefen zwei hochrangige Gefolgsleute der Oda zum Imagawa-Clan über. Ostowari geriet unter Imagawa-Kontrolle.
Die jungen Jahre von Nobunagas Herrschaft waren geprägt von verzweifelten Verteidigungskämpfen. Er musste zunächst seine eigene Position innerhalb des Oda-Clans sichern – sein Onkel Oda Nobutomo rebellierte und besetzte die strategisch wichtige Burg Kiyosu. Gleichzeitig versuchte sein jüngerer Bruder Nobuyuki, ihn zu stürzen.
Nobunaga war umzingelt von Feinden – von außen und von innen. Und über all dem schwebte die ständige Bedrohung durch die Imagawa wie ein Damoklesschwert.
Eine Frage des Überlebens
Hier wird klar: Die Konfrontation mit dem Imagawa-Clan war für Nobunaga keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit. Es war keine Frage ob, sondern wann er sich dieser existenziellen Bedrohung stellen musste.
Imagawa Yoshimoto hatte ehrgeizige Pläne. Er wollte nicht nur Owari, sondern nach Kyoto marschieren, um den Ashikaga-Shōgun zu „unterstützen“ und faktisch die Kontrolle über ganz Japan zu übernehmen. 1554 hatte er ein Dreierbündnis mit Hōjō Ujiyasu und Takeda Shingen geschlossen – den mächtigsten Warlords Ostjapans. Seine Rückfront war gesichert, seine Armeen überlegen.
Für Nobunaga war die Lage aussichtslos – zumindest auf dem Papier. Der Imagawa-Clan kontrollierte drei Provinzen und konnte auf eine Armee von 25.000 Mann zurückgreifen. Die Oda hingegen waren ein kleiner Clan in einer geteilten Provinz mit gerade einmal 2.000 bis 3.000 Soldaten, die Nobunaga mobilisieren konnte.
Der unvermeidliche Showdown
Im Mai 1560 war es soweit. Imagawa Yoshimoto marschierte mit einer gewaltigen Armee in Owari ein. Die Grenzfestungen der Oda fielen eine nach der anderen – Washizu, Marune, Narumi. Die Imagawa-Truppen rückten unaufhaltsam vor, ihr Ziel: die Burg Kiyosu, Nobunagas Hauptquartier.
Nobunaga stand vor einer existenziellen Entscheidung. Seine Berater rieten ihm, sich in Kiyosu zu verschanzen und auf eine Belagerung zu warten. Doch Nobunaga erkannte die Realität: Zu warten bedeutete den sicheren Untergang. Die Imagawa würden ihn aushungern, Verstärkungen würden nie kommen, und selbst wenn – sie wären der Imagawa-Übermacht nicht gewachsen.
Also tat Nobunaga das einzig Logische in einer ausweglosen Situation: Er griff an.
Fazit: Der Schatten der Imagawa
Die jahrzehntelange Konfrontation zwischen den Oda und den Imagawa war damit an ihrem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Was als Nobuhides verzweifelter Kampf begonnen hatte, die Unabhängigkeit von Owari zu bewahren, war zu einer existenziellen Bedrohung für seinen Sohn geworden.
Nobunaga hatte keine andere Wahl mehr. Der „Dauer-Krawallo“ musste gestoppt werden – hier und jetzt, im Mai 1560, oder der Oda-Clan würde für immer von der Landkarte verschwinden.
Was als Nächstes geschah, sollte nicht nur Nobunagas Schicksal, sondern die gesamte Geschichte Japans verändern. Aber das ist eine Geschichte für sich – die Geschichte der Schlacht von Okehazama.



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