Im Jahr 1560 stand Japan am Scheideweg seiner Geschichte. In der Provinz Owari regierte der junge Oda Nobunaga, ein 27-jähriger Daimyō, der von vielen als unberechenbarer Trottel belächelt wurde. Doch an einem schwül-heißen Tag im Juni sollte dieser „Trottel von Owari“ eine der kühnsten militärischen Aktionen der japanischen Geschichte vollbringen – und damit den Grundstein für die Wiedervereinigung Japans legen.
Der übermächtige Gegner
Imagawa Yoshimoto war eine lebende Legende. Als Oberhaupt des mächtigen Imagawa-Klans kontrollierte er die Provinzen Suruga, Tōtōmi und Mikawa – ein Territorium, das Nobunagas bescheidene Besitztümer bei weitem übertraf. Mit etwa 25.000 Kriegern marschierte Yoshimoto im Frühsommer 1560 gen Westen, angeblich um nach Kyōto zu ziehen und dort seine Macht zu demonstrieren. Doch zunächst stand ihm Nobunagas Territorium im Weg.
Die Situation schien aussichtslos. Nobunaga konnte bestenfalls 3.000 bis 4.000 Mann mobilisieren – ein Verhältnis von beinahe eins zu sieben. Seine Berater rieten zur Kapitulation oder zum Verschanzen in der Burg. Doch Nobunaga dachte anders.
Der waghalsige Plan
Statt defensiv zu agieren, entschied sich Nobunaga für einen verzweifelten Angriff. Nachdem er erfahren hatte, dass Yoshimoto in einer engen Schlucht bei Okehazama sein Lager aufgeschlagen hatte, erkannte er seine Chance. Die Imagawa-Truppen waren siegessicher und unvorbereitet – ein fataler Fehler.
Am 19. Juni 1560 brach Nobunaga mit seinen wenigen Getreuen auf. Der Legende nach tanzte er vor seinem Aufbruch noch den „Atsumori“, einen buddhistischen Gesang über die Vergänglichkeit des Lebens – ein Mann, der sich seinem Schicksal stellte.
Der entscheidende Moment
Was dann geschah, variiert je nach Quelle, doch der Kern bleibt derselbe: Nobunaga nutzte das Terrain, das Wetter und vor allem das Überraschungsmoment. Ein heftiger Regenschauer soll die Sicht behindert und Lärm gedämpft haben. Nobunagas Truppen umgingen die Hauptstreitmacht der Imagawa und stießen direkt zum Hauptquartier vor, wo Yoshimoto gerade eine Pause einlegte.
Der Angriff kam so plötzlich, dass Yoshimoto zunächst glaubte, es handle sich um einen Streit zwischen seinen eigenen Männern. Als er die Wahrheit erkannte, war es zu spät. In dem chaotischen Nahkampf wurde der große Imagawa Yoshimoto getötet. Den Quellen zufolge sollen es zwei einfache Ashigaru – Fußsoldaten – namens Mōri Shinsuke und Hattori Koheita gewesen sein, die Yoshimoto im Getümmel angriffen. Mōri Shinsuke soll ihm dabei zunächst das Knie verwundet haben, bevor Hattori Koheita ihm den Kopf abschlug. Beide wurden später für diese Tat von Nobunaga reichlich belohnt. Allerdings gibt es auch hier, wie bei so vielem aus dieser Schlacht, verschiedene Versionen – manche Quellen nennen andere Namen, und die genauen Umstände bleiben im Nebel der Geschichte verborgen.
Die Folgen
Mit dem Tod ihres Anführers brach die Moral der Imagawa-Armee zusammen. Die riesige Streitmacht löste sich in Panik auf. Nobunaga hatte nicht nur überlebt – er hatte triumphiert.
Diese Schlacht veränderte alles. Der Imagawa-Klan erholte sich nie von diesem Schlag. Nobunaga hingegen stieg aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit hervor und wurde als brillanter Stratege anerkannt. In den folgenden Jahren sollte er Provinz um Provinz erobern und den Weg zur Einigung Japans ebnen, der später von Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu vollendet wurde.
Das Vermächtnis
Okehazama wurde zum Symbol dafür, dass Mut, List und der richtige Moment über rohe Zahlen triumphieren können. Die Schlacht zeigt Nobunagas charakteristische Herangehensweise: unkonventionell, risikobereit und eiskalt kalkuliert. Sie war der erste von vielen Siegen, die ihn zum „Dämon-König“ des Sengoku-Zeitalters machen sollten.
Noch heute wird die Schlacht von Okehazama in Japan als Beispiel für strategische Brillanz gelehrt – ein David-gegen-Goliath-Moment, der die Geschichte einer ganzen Nation veränderte.



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