Der junge Oda Nobunaga hatte ein Problem. Sein eigener Onkel, Oda Nobutomo, verachtete ihn – und saß auf der wichtigsten Burg der Provinz Owari. Was zwischen 1552 und 1555 folgte, war vermutlich einer der entscheidendsten Machtkämpfe der frühen Sengoku-Zeit. Ein Kampf, der zeigen sollte, ob traditionelle Hierarchien oder skrupellose Entschlossenheit die Zukunft Japans bestimmen würden.
Das Gift der Verachtung
Als Oda Nobuhide 1551 starb, hinterließ er keinen gefestigten Clan. Sein Sohn Nobunaga war gerade einmal siebzehn Jahre alt, hatte den Ruf eines exzentrischen Rebellen und praktisch null Unterstützung bei den traditionellen Kräften im Clan. Sein Onkel Oda Nobutomo, der spätere Burgherr von Kiyosu, teilte diese Verachtung.
Der junge „Trottel von Owari“, wie man Nobunaga damals nannte, schien ihm völlig ungeeignet für die Führung. Nobutomo sah sich vermutlich selbst als den rechtmäßigen Anführer – erfahren, respektiert, mit Verbindungen zu den wichtigsten Familien der Provinz. Warum sollte die Macht einem unreifen „Trottel“ zufallen?
Die unrechtmäßige Übernahme
Nobutomo wartete nicht lange. Bereits kurz nach Nobuhides Tod griff er an. 1552 eroberte er zwei Festungen, die Nobunaga unterstanden – Matsuba und Fukada – und nahm ihre Burgherren als Geiseln. Es war ein direkter Angriff auf Nobunagas Autorität. Die Botschaft war klar: Der Junge hatte hier nichts zu sagen.
Doch die eigentliche Machtbasis sicherte sich Nobutomo ein Jahr später, 1553. Mit Unterstützung von Shiba Yoshimune, dem formellen Gouverneur von Owari, übernahm er die Kontrolle über die Burg Kiyosu. Technisch gesehen geschah dies im Namen des Gouverneurs – doch in Wahrheit war Yoshimune vermutlich längst zu Nobutomos Marionette geworden.
Kiyosu: Der Schlüssel zu Owari
Wer Kiyosu kontrollierte, der beherrschte die Provinz Owari. So einfach war die Rechnung. Die Burg lag an den wichtigsten Handelswegen der Region. Die umliegenden Ländereien waren fruchtbar und einträglich. Ihre strategische Bedeutung konnte kaum überschätzt werden.
Für Nobunaga bedeutete Nobutomos Kontrolle über Kiyosu eine existenzielle Bedrohung. Ohne diese Burg würde er nie mehr als ein lokaler Kriegsherr mit begrenztem Einfluss sein. Mit ihr könnte er ganz Owari vereinen.
Der Bruch mit dem Gouverneur
1554 kam es zum entscheidenden Wendepunkt. Shiba Yoshimune, der formelle Gouverneur, hatte allem Anschein nach genug von seiner Rolle als Nobutomos Marionette. Heimlich wandte er sich an Nobunaga und warnte ihn vor einem Attentatskomplott.
Nobutomos Reaktion war brutal: Er ließ Yoshimune hinrichten. Die Ermordung des rechtmäßigen Gouverneurs war mehr als nur ein politischer Mord – es war eine offene Verachtung gegenüber der formellen Autorität, die selbst in den chaotischen Verhältnissen der Sengoku-Zeit noch etwas zählte. Yoshimunes Sohn Yoshikane konnte in letzter Sekunde zu Nobunaga fliehen.
Dieser Gewaltakt isolierte Nobutomo vermutlich von ehemaligen Verbündeten. Wer einen Gouverneur ermordete, mit dem wollten viele nichts mehr zu tun haben. Nobunaga hatte nun einen Vorwand – und die moralische Legitimation – zum Gegenschlag.
Nobunagas Gegenstrategie
Der junge Kriegsherr erkannte schnell: Ein direkter Sturmangriff auf Kiyosu wäre Selbstmord gewesen. Seine Truppen waren Nobutomos Streitkräften zahlenmäßig vermutlich unterlegen. Stattdessen entwickelte er einen Plan, der auf Geduld und Täuschung setzte.
Zunächst schmiedete er Bündnisse. Der geflohene Yoshikane bot ihm die perfekte Legitimation – Nobunaga konnte nun als Rächer des ermordeten Gouverneurs auftreten. Gleichzeitig begann er, Nobutomos Gefolgsleute gezielt zu bearbeiten.
Durch Propaganda, Bestechungen und Drohungen untergrub er die Loyalität der Verteidiger von innen heraus. Die Botschaft war einfach: Nobutomo hatte seine Legitimität verloren. Wer jetzt noch zu ihm hielt, stand auf der falschen Seite der Geschichte.
Besonders clever war vermutlich seine Manipulation von Nobutomos eigenem Onkel, Oda Nobumitsu. Diesem wurde angeblich die Position des Provinzgouverneurs angeboten, falls er Nobunaga unterstützte. Nobumitsu schien einzuwilligen – doch ob er wirklich vorhatte zu verraten oder von Anfang an mit Nobunaga im Bunde war, bleibt unklar.
Der Fall der Burg
Als Nobunaga im April 1555 schließlich angriff, war Nobutomos Verteidigung bereits ausgehöhlt. Nobumitsu und seine Männer wurden in die Burg gelassen – angeblich um Nobutomo zu helfen. Doch in der Nacht öffneten sie die Tore von innen.
Die Burg fiel mit überraschend wenig Blutvergießen. Nobutomos Berater Sakai Daizen, der die Situation längst als aussichtslos erkannt hatte, floh nach Suruga und suchte Zuflucht bei den Imagawa. Nobutomo selbst blieb nur der rituelle Selbstmord – eine besonders demütigende Form der Niederlage für einen Mann seines Ranges.
Die neue Ordnung
Mit der Einnahme von Kiyosu hatte Nobunaga nicht nur eine strategisch wichtige Festung gewonnen. Er hatte demonstriert, dass er die neuen Spielregeln der Sengoku-Zeit verstanden hatte: Tradition und Familienbande zählten nichts mehr gegen kalkulierte Machtpolitik.
Die Erträge der Burg ermöglichten ihm vermutlich den Ausbau seiner Streitkräfte. Die strategische Lage öffnete Wege für weitere Expansion. Vor allem aber hatte er seinen Ruf gefestigt: Nobunaga war kein Narr – er war ein gefährlicher Gegner, der unkonventionelle Wege ging und dabei erfolgreich war.
Seinen Onkel Nobumitsu belohnte er mit der Kontrolle über Nagoya und zwei der vier südlichen Distrikte von Owari. Nobunaga selbst machte Kiyosu zu seiner neuen Residenz. Der „Trottel von Owari“ war nun der mächtigste Mann in der Provinz.
Der lange Schatten von Kiyosu
Dieser frühe Sieg erwies sich vermutlich als prägend für Nobunagas gesamte Karriere. Die gesicherte Machtbasis in Owari ermöglichte erst seinen legendären Sieg über die Imagawa bei Okehazama 1560. Die Taktiken der psychologischen Kriegführung und der inneren Zersetzung, die er in Kiyosu entwickelt hatte, wandte er später gegen mächtigere Gegner an.
Sein Bruch mit Samurai-Traditionen – der Verwandtenmord, die Manipulation, die Missachtung alter Loyalitäten – wurde zu seinem Markenzeichen. Was in Kiyosu begann, sollte schließlich ganz Japan verändern.
Fazit: Verachtung und Vergeltung
Was als familiärer Machtkampf begann, war vermutlich ein Wendepunkt der japanischen Geschichte. Nobutomos Verachtung für seinen jungen Neffen hatte ihn blind gemacht – blind für dessen Intelligenz, dessen Anpassungsfähigkeit und dessen Bereitschaft, alle Regeln zu brechen.
Der junge Mann, den Nobutomo für einen unfähigen Narren hielt, hatte ihm eine Lektion in moderner Kriegsführung erteilt. Nicht rohe Gewalt hatte gewonnen, sondern Strategie, Geduld und die Fähigkeit, die Schwächen des Gegners auszunutzen.
Ohne diesen Sieg in Kiyosu wäre die spätere Vereinigung Japans unter Nobunagas Führung kaum denkbar gewesen. Der Onkel, der die Macht unrechtmäßig an sich gerissen hatte, wurde zum ersten Opfer einer neuen Ära – einer Ära, in der nicht Geburt und Tradition entschieden, sondern Können und Rücksichtslosigkeit.



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